Friday, November 6, 2009

Die Bestie der Gegenwart



Kinematographischer Heldentod

Das Weltgericht macht uns nicht bang,
doch wird uns gerne weltgeschichtlich.
Kein Epos, ein Kino die Zeit besang:
"Sämtliche Heldentaten ersichtlich!"

Karl Kraus, Die Fackel, Nr. 472/473, November 1917.

Friday, October 30, 2009

Nationalistisch

I.

Man kann das Wort nicht in Verruf tun, wenn die Sache ihr Recht hat.
Deutsche hofften nach unserem Zusammenbruche, sich in dem Leben, das man uns immerhin liess, ohne Nationalismus einrichten zu können. Aber in einem Schicksale richtet man sich nicht ein. In einem Schicksale unterliegt man, oder obsiegt man.
Wir wollten dies nicht wahrhaben. Deutsche gedachten ein Geschäft mit dem Schicksale zu machen. Sie wollten sich die Gegenwart erkaugen, indem sie eine Schuld einräumten, die wir nich thatten. Und was an Zukunft bevorstand, das suchten sie durch eine Erfüllungspolitik hinauszuschieben, die wir zunächst einmal auf uns nahmen und an die wir doch nicht recht glaubte. Man konnte nicht oberflächlicher sein, wenn man auf diese Weise den Folgen eines verlorenen Krieges zu entgegen suchte. Und wir konnten nicht undeutscher sein, weil wir wider allen angeborenen Ernst der Nation handelten.
Der elfte Januar musste kommen, um uns zur Besinnung zu bringen. Von den Ereignissen, die dieser Tag heraufführte, hatte man uns immer versichert, dass es niemals zu ihnen kommen werde. An diesem Tage zerriss die geflissentliche Täuschung. und eine Änderung ging in der Nation vor sich, deren Menschen zum ersten Male das Schicksal eines besiegte, eines darniedergeschlagenen, eines in Ketten gelegten Volkes begriffen.
Von diesem elften Januar an gibt es ein Recht auf Nationalismus in Deutschland. Jetzt kann man uns nicht mehr mit der Ausflucht kommen, es gebe auch andere und internationale Wege, um an das eine und einzige Ziel einer wiedererrungenen deutschen Selbständigkeit zu gelangen, über das sich alle Parteien, wie sie versichern, einig sind.

Nationalist ist, wer sich nicht in das Schicksal der Nation ergibt, sondern ihm widerspricht.

Nationalismus ist heute in Deutschland: Widerstand.

II.

Wenn der Nationalismus die Nation will, dann müsste es, sollte man meinen, das Natürliche sein, dass auch die Nation den Nationalismus will.
Aber in Deutschland ist, so scheint es, das Natürliche nicht das Politische, sondern das Unpolitische. Franzosen, Italiener, Engländer sind von einer anderen politischen Rasse. Es sijnd ältere Völker, die den Sinn ihrer Geschichte verstanden haben. Ihre Erfahrungen auf dieser Erde sitzen ihnen im Blute. Ihre Menschen werden mit ihnen geboren. Und Generation gibt sie an Generation als politischen Instinkt und als diplomatische Disziplin weiter.
Nur in Deutschland ist möglich, dass es Frankophile in einem Augenblicke gibt, in dem Frankreich die Nation weissbluten lässt. Es hat bei uns immer eine Franzosenpartei gegeben. Sie hat in Überläufergewalt schon mit den Römern paktiert. Sie hat später in Fürstengestalt mit dem Hofe von Versailles paktiert. Sie möchte heute mit der französischen Wirtschaft paktieren. Sie ist seit dem elften Januar einigermassen kleinlaut geworden. Sie gibt sich sogar den patriotischen Anschein, als missbillige sie die französischen Methoden. Aber sie treibt ihre Minierung weiter und wartet nur auf die Stunde, in der sie ihr Werk in der Öffentlichkeit fortsetzen kann.

Die Frankophilen wissen, was sie politisch wollen. Das Proletariat weiss dies nicht. Es nimmt bereits seinen Drang zur Wirklichkeit. In den westlichen Ländern war der Sozialismus immer nur ein Sprungbrett für den Politiker. Wenn er aus der Opposition, in der er seine Grünlingsjahre zubrachte, in den Staat mit dessen Ämtern übertrat, dann vollzog er diesen Stellungswechsel ohne Wimperzucken als ein Nationalist. Der deutsche Arbeiter hat die sozialistische Botschaft mit dem so schweren, so gründlichen, so versessenen Ernste aufgenommen, mit dem Deutsche sich einer Idee hinzugeben pflegen. Auch das Erlebnis des Völkerkampfes hat seinen Glauben an den Klassenkampf nicht zu erschüttern vermocht. Er hofft nach wie vor auf eine der drei Internationalen. Der Nationalist muss sich mit der Tatsache nicht abfinden, nein, sondern auseinandersetzen, dass es Millionen von Deutschen gibt, die von der Idee der Nation marxistisch wegerzogen worden sind. Er erfährt in jeder innenpolitischen und in jeder aussenpolitischen Beziehung, wie diese Idee der Nation über die ganze Erde hin, aber nirgendwo mit einem solche Erfolge wie im sozialistischen Deutschland, ständig von der Idee der vereinigten Proletariate aller Länder gekreuzt wird. Diese Idee eines grossen proletarischen Klassenkampfes trennt den deutschen Arbeiter von seiner heute so gefährdeten und umdrohten Nation. Der deutsche Nationalist müsste nicht Nationalist sein, wenn er den Gedanken der deutschen Nation nicht auf as ganze Volk bezöge, nicht auf alle Shcichten des Volkes, in denen es sich gliedert, und hier nicht auf diejenige Klasse, aus der es als Industreivolk nachwächst und aufsteigt. Er weiss, dass es keinen Befreiungskamof für eine Nation geben kann, wenn sie Bürgerkrieg im Rücken hat. Er stellt auch den Klassenkampf in seine politische Rechnung ein, aber er versteht ihn nicht so sehr sozial, als national, als einen Kampf der unterdrückten Völker, der östlichen gegen die westlichen, der jungen gegen die alten. Er merkt wohl auf, wenn der deutsche Kommunist von einem Vaterlande spricht, das er sich erst erobern müsse. Er fühlt, dass dies die Keimzelle des Nationalismus auch im deutschen Proletariate ist. Aber er gibt sich eine politische Rechenschaft über das Unzureichende der proletarischen Politik. Ist es nicht auch nur eine deutscheste Selbsttäuschung, wenn der deutsche Arbeiter von seinem Willen zur nRettung der Nation aus der weltkapitalistischen Klaue spricht und diese Rettung auf die eigene proletarische Faust nehmen will? Noch ist nicht ausgemacht, dass das Zeitalter des Weltkapitalismus ein Ende fnden wird, wie der Marxist es sich vorstellt. Und eher ist möglich, dass ein stürzender Weltkapitalismus den deutschen Sozialismus mitbegraben wird!
Die Demokratie, die durch die Revolution zur Macht im Staate aufrückte, fürchtet das Proletariat ebenso sehr, wie sie den Nationalismus scheut. Sie spielt das eine gegen den anderen aus. Sie spricht von dem Feinde, der rechts, und von dem Feinde, der links steht. Und in einer Zeit, in welcher der einzige Feind, den wir haben sollten, vom Rheine an die Ruhr vorrückte, bereitet sie den deutschen des entschlossensten Widerstandes ihre parteipolitischen Hemmungen. Auch dies ist nur zu deutsch. Die Demokratie hat ein schlechtes Gewissen vor der Nation. Sie hat sich auf die Weltdemokratie berufen und muss nun erleben, das sie von eben dieser Weltdemokratie um der Nation willen misshandelt wird. Sie ist nicht so empfindungslos, dass sie die Schläge icht spürte, die das Deutschtum treffen, indem sie die Demokratie treffen. Ihr ist jetzt die Vertretung der Nation überkommen, und es gibt Demokraten, die, ohne Nationalisten zu sein, Nationalismus für sich in Anspruch nehmen. Sie versichern zum mindesten, dass auch sie "gute Deutsche" sind, was freilich ein wenig sagender Mittelbegriff ist, der nicht verpflichtet. Sie geraten damit in für sie fremde Bereiche, in denen sie sich nur schwer zurechtfinden. Es fehlt ihnen das Überwältigende des Erlebnisses, von dem der Nationalist ausgeht. Die Vaterlandsliebe ist hier keine Leidenschaft für Deutschland, aus der die Vorausschau eines Schicksales folgt. Sie ist im besten Falle ein Wohlmeinen mit seiner betrogenen duldenden stummen Bevölkerung, und im schlechteren Falle eine Befürchtung für deren parteipolitische Zuverlässigkeit. Nur so ist die Stellung der Demokratie zum Sozialismus zu erklären. Es ist darin Eifersucht. Und es folgt daraus Misstrauen. Die Demokraten verstehen die Geistesverfassung des Nationalismus nicht. Sie verstehen die Beweggründe der Nationalisten nicht. Sie unterstellen Ihnen innenpolitische Hintergedanken und Endabsichten. Der Nationalismus sieht nur einen Weg: es ist der, welcher uns dahin bringt, dass wir die Politik aller Parteipolitik entrücken. Und Nationalisten haben nur das eine Ziel: das Schicksal der Nation an die Problemfront der Aussenpolitik zu bringen. Aber Probleme verlangen Entscheidungen. Und die Demokratie entzieht sich Entscheidungen.

Sie wird ihnen nicht immer ausweichen können. Wir sind, so scheint es, ein Volk, das sich alle Jahrhunderte in die Notwendigkeit bringt, einen Freiheitskampf führen zu müssen. Die Deutschen, so scheint es, wollen immer wieder von Vorne anfangen! Einst stand das Bürgertum an seinem Anfange. Heute steht, vielleicht, das Proletariat an dem seinen. Wann wird die Nation an ihrem stehen?

III.

Die Geschichte unpolitischer Völker ist diejenige ihrer Selbsttäuschungen. Die Geschichte politischer Völker ist diejenige ihrer Bewusstwerdung.

Wir sind jetzt in Deutschland noch ein Mal vor die Wahl gestellt, zu welchen Völkern wir gehören wollen. Es ist möglich, dass alle Leiden dieser Zeit nur Umwege sind, um aus uns endlich ein Volk zu machen, das sich seiner Nationalität politisch bewusst wurde. Dies ist die Zuversicht des Nationalismus. Es ist nicht minder möglich, dass dieselben Leiden nur Zuckungen sind, in denen sich unser Untergang bereits vollzieht, über den wir uns mit Menschheitsforderungen hinwegtäuschen, denen wir, wie dies deutsch ist, vor unserem Ende noch nachzukommen suchen. Dies ist die Gefahr der Demokratie. Sie hat, wie dies demokratisch ist, nur innenpolitische Sorgen. Von jenen Leiden ist nicht abzusehen, wie sie ohne das Zutun je enden könnten, das der Nationalismus fordert. Und um unserer Bewusstwerdung willen müssen wir uns mit unseren Selbsttäuschungen beschäftigen.

Die Welt der Politik ist nicht diejenige der Wünsche, sondern der Wirklichkeiten. Es hilft uns nicht, dass wir, wie dies unsere Art ist, Vorstellungen von einer gerechteren und vernünftigeren Welt nachhängen, als derjenigen, in der wir leben, und die uns politisch umgibt. Das Recht eines Volkes ist das Unrecht eines anderen. Und seine Vernunft ist dienige des Eigennutzes. Änder die Welt - aber ändert vorher den Deutschen! Macht einen Menschen aus ihm, der endlich die Schwachheit von sich abtut, die Dinge immer nur auf seine Wünsche hin anzusehen! Macht einen Deutschen aus ihm, der sich mit der Leidenschaft zur Wirklichkeit durchdringt und der sich nicht mit der Verherrlichung eines Unwirklichen lächerlich macht, das niemals ist und niemals sein kann! Ihr werdet mit diesem Menschen und Deutschen auf der Erde gar Manches erreichen: auch Manches, was gerecht ist, auch Manches, was vernünftig ist - aber immer nur über einen Nationalismus, und durch ihn, der die Politik der Naton zu sichern vermag.

Moeller van den Bruck, in: Das Gewissen, 5. Jahrgang, Nummer 25, 25. Juni 1923.

Thursday, October 29, 2009

Deutsche Sprache

Mir sind salbaderische Gemeinplätze in der Natur zuwider.

Goethe


"Ich meine die Transformation des Bewusstseins in eijne kollektive Erscheinung, in eijn soziologisches, nicht mehr individuelles Phänomen. Das Mirakel dieser Wochen bestand darin, dass die scheinbar undurchdringliche dichte Schicht, die die vitale und intellektuelle Sphäre des einzelnen voneinander scheidet, gleichsam porös ward, dass die isolierten Centren unseres individuell zersplitterten Lebens zusammenschossen, zusammenwuchsen zu einem Gebilde von undendlich höherer als einzelmenschlicher Individualität." Dieses las ich in einem deutschen Aufsatz vom Anfang des Krieges zur "Analyse der deutschen Psyche", und ich begriff später den Zusammenbruch der Heimat. Aber bevor es noch dazu kam, gab mir ein Aufsatz vom "Lohn des Krieges" eine Antwort auf manche bange Frage und gab sie so: "Wir erwarten nach den Peripetien des Krieges die Katharsis." Was und wo ist nun diese Synthese und Katharsis, und wie also sieht der Lohn des Krieges aus? "Wirtschaft ist Schicksal" steht an der Sklavenstirn einer rechtlosen und entwaffneten Zeit. "Oekonomie ist Ananke" wäre passender.

Der Mund ist der Notausgang des Herzens, und die Sprache ist ein Zufluchtsort des Geistes und darüber hinaus sein lebendig tönendes Sinnbild. Sprachliche Zustände sind Zeichen des Geistes ihrer Zeit, ujnd die Seele eines Volkes schwingt heimlich in seiner Sprache bis zu jenem toten Punkt, jenseits dessen die Worte zu Wörtern werden und die Sprache entseelt zu klappern beginnt, ein toter Stoff, ein leerlaufendes Getriebe, eine künstlich atmende Wachspuppe in den Schaukästen der Bücher und Zeitungen.

Ich hüte mich, die Sprache aus diesen fein veröstelten Beziehungen zu jener geheimen Lebenskraft zu lösen und sie allein für sich zu werten. Dann ist sie nur als brauchbares Mittel zum Zweck von Mitteilungen des Nützlich-Notwendigen und als Gegenstand einer grammatischen Wissenschaft giltig.
Staatsbehördliche, amtlich überwachte Vorschriften für den Wortgebrauch in der Sprache und alle ähnlichen, darauf gerichteten Mühen bleiben günstigen Falls auf die Oberfläche beschränkt, auf die Sprache , und entsprechen dem Zwang des Stärkeren, der vielleicht die Anbetung eines Steines zu ertrotzen, nie aber den Glauben an diesen Stein als an einen Gott zu erzeugen vermag. Schöpferisch ist nur der Geist, niemals die Vorschrift.

Aus dem lebendigen Geist dringen die Worte hervor wie Blumen aus der lebendigen Erde. Ja, die Worte sind Kinder und Träger des Geistes zugleich.
Wenn Eduard von Hartmann sagt: "Alle Relationen, die das bewusste Denken sich diskursiv appliziert, sind nur Reproduktionen expliziter oder Explikationen impliziter Bewegungen", so enthüllt dies dasselbe, das der preussische Minister von Hammerstein enthüllte, als er im Abgeordnetenhause sagte: "Meine Herren, wenn ich "absolut" sage, so meine ich das natürlich relativ", verrät er dasselbe, das diese Worte verraten: "anbei retournieren wir Ihr geehrtes Gestriges", dasselbe, das ein Ladenschild mit seiner Inschrift "Glasbrillanten, garantiert echte Imitationen" verrär. Wo liegt der Unterschied zwischen den Worten Roethes "eine Erscheinung à la Karl der Grosse" und denen eines Schaubudenmannes: "Panorama international, à Person 20 Pfg."? Ist es verräterrischer, eine Strassenbahnkarte mit den Worten "eins à zehn" zu fordern oder mit B. Litzmann die literarischen Ergebnisse "der modernen Nervosität imd Hysterie" so zu nennen: "Krassester Materialismus, mystischer Spiritismus, demokratischer Anarchismus, aristokratischer Individualismus, pandemische Erotik, sinnabtötende Askese"?

Sie alle dachten: diskursiv, implizit, retournieren, pandemisch, demokratisch, à la und international und Imitation, garantiert echt. Ich weiss nicht, was das heisst, ich weiss nur, was es vielleicht zu bedeuten hat. Hier besteht für den Betrachter nicht mehr die irreführende Versuchung, die Sprache vom Geist, aus dem sie geboren war, zu lösen. Es ist schon geschehen. Die Wörter stehen da. Das Geklapper setzt ein... demokratisch, international, garantiert echt, eins à zehn... Der rote, atmende, heisse Mund wich dem Grammophon. Das Sinnbild verdorrte zur Formel. Das Wort wurde zum Stempel.

Das junge Geschlecht ist durch die Schlachten hindurchgeschritten und steht jetzt zwischen den Schlachten. Noch reden vielerorts Fünfzig- und Sechzigjährige und solche, die zu Hause gegen die Papierschnitzel der Brot- und Fettmarken einen erniedrigenden Kleinkrieg geführt haben und geschult und gezähmt, nicht aber geformt sind. Die Zeit muss kommen, in der das durch die Schlachten geformte, starke und gesunde Geschlecht des Krieges handelt, und sein schwer errungenes deutsches Lebens- und Gemeinschaftsgefühl schicksalsbestimmend wird. Vor dem "sprich deutsch" steht das "sei deutsch", und das Zeichen der Sprache des jujngen Geschlechts kann nichts anderes sein als das Feldzeichen eines starken, gewaltigen Geistes in den Kämpfen des Friedens.

Franz Schauwecker, in: Das Gewissen, 5. Jahrgang, Nummer 7, 19. Februar 1923.

Die Aussichten des Proletariats II

Die nationale Wendung im deutschen Proletariate geschieht nicht freiwillig. Sie geschieht unter dem Zwange der Gefahr für den Kommunismus, dass der Ententekapitalismus sich ganz Europa unterwerfen wird, dass er durch seinen Militarismus mit den Nationen auch die Proletariate derselben vergewaltigen wird, dass die Herrschaft des Westens sich über Deutschland hinweg am Ende bis nach Russland ausdehnen wird.
Aber wir wollen auch diesen aussenpolitischen Druck bei Seite lassen, obwohl schon hier die Unselbständigkeit auffällt, dass das deutsche Proletariatsich auf die entsprechende Situation von Russland her aufmerksam lassen musste und der deutsche Kommunismus seine nationale Wendung erst auf bolschewistische Anweisung hin vollzog. Entscheidend wird schliesslich sein, ob das deutsche Proletariat der aussenpolitischen Situation, in die es sich plötzlich versetzt sieht, nationalpolitisch gewachsen sein wird. Dies ist die Frage, auf die wir eine Antwort um so dringender haben müssen, als das deutsche Proletariat den Nachweise seiner geistigen Vorbereitung revolutionspolitisch schuldig geblieben ist.
Wir haben hier von Anbeginn gesagt, dass jedes Volk seinen eigenen Sozialismus hat. Ein jedes Volk hat auch seine eigene Revolution. Auf einem internationalen Jugendtage hat Sinowjeff unlängst geschichtsphilosophische Betrachtungen angestellt und die Frage nach den Voraussetzungen aufgeworfen, unter denen überhaupt ein Proletariat erwarten kann, dass es Ziele erreicht, die es sich setzt. Er meinte, dass man, wenn man die revolutionären Kämpfe in den verschiedenen Ländern durchsähe, "manchmal zu dem Schlusse komme, es könne die Arbeiterklasse nicht eher siegen, als bis sie nicht die eine oder andere Niederlage erlitten habe", und führte für Russland die Ereignisse der Jahre 1905 und 1906 an, "ohne die", wie er sagte, "es wohl keinen Bolschewismus im Jahre 1917 gegeben haben würde". Noch weiter ist Lenin bei Gelegenheit gegangen und hat schon vor 1917 davon gesprochen, dass die Aussichten einer kommenden russischen Revolution in der langen unterminierenden Vorarbeit lägen, die von den Dekabristen an und hernach durch die Nihilisten bis zu den russischen Marxisten geleistet worden sein: durch den russischen Verschwörertyp, der sich in Verfolgung und Verbannung schulte, in Sibirien und in der Emigration, der seine Tätigkeit von der einen Generation an die andere weitergab, immer wieder seine Propaganda in das Volk trug und sich durch keine Rückschläge beirren liess. Lenin hätte noch tiefer greifen und die gesamte geistige Leistung der Russen im borigen Jahrhundert einbeziehen können, ob sie nun revolutionär oder gegenrevolutionär war, ob wir an Tolstoi oder an Dostojewski denken. Von hier aus wurde der Boden bereitet, wurde die geistige Verfassung des russischen Volkes auf die grosse Apokalypse vorbereitet, und wäre es auch nur, dass durch Analyse als Spiegelung der Geistesverfassung festgestellt wurde, bis zu welchem Grade die politische und moralische Zersetzung des auf Autokratie und Orthodoxie, freilich auch auf Nationalität begründeten Reiches bereits gediehen war.

Moeller van den Bruck, in: Das Gewissen, 5. Jahrgang, Nummer 39, 1. Oktober 1923.

Wednesday, October 28, 2009

Triumph des Todes



Peter Brueghel d. Ä. pinxit, ca. 1562

O der Seele nächtlicher Flügelschlag:
Hirten gingen wir einst an dämmernden Wäldern hin
Und es folgte das rote Wild, die grüne Blume und der lallende Quell
Demutsvoll. O, der uralte Ton des Heimchens,
Blut blühend am Opferstein
Und der Schrei des einsamen Vogels über der grünen Stille des Teichs.

O, ihr Kreuzzüge und glühenden Martern
Des Fleisches, Fallen purpurner Früchte
Im Abendgarten, wo vor Zeiten die frommen Jünger gegangen,
Kriegsleute nun, erwachend aus Wunden und Sternenträumen.
O, das sanfte Zyanenbündel der Nacht.

O, ihr Zeiten der Stille und goldener Herbste,
Da wir friedliche Mönche die purpurne Traube gekeltert;
Und rings erglänzten Hügel und Wald.
O, ihr Jagden und Schlösser; Ruh des Abends,
Da in seiner Kammer der Mensch Gerechtes sann,
In stummem Gebet um Gottes lebendiges Haupt rang.

O, die bittere Stunde des Untergangs,
Da wir ein steinernes Antlitz in schwarzen Wassern beschaun.
Aber strahlend heben die silbernen Lider die Liebenden:
Ein Geschlecht. Weihrauch strömt von rosigen Kissen
Und der süsse Gesang der Auferstandenen.

Georg Trakl, Abendländisches Lied.

Das Sintflutgeschlecht


Die Eroberung Kanaans durch das Volk Israel wird von der Thora als ein Strafgericht bezeichnet. Nur dem Gottesvolke ist das "heilige" Land zugedacht, nur dem Volke, welches sich durch seinen religiös-sittlichen Wandel bewahrt; ihm steht es auch zu, den Kampf Gottes gegen Amalek zu führen.

Nunmehr wurde der israelitische Staat auf den Grundfesten des Rechts aufgerichtet, um in ihm das sittliche Ideal der sozialen Gerechtigkeit und der Nächstenliebe, als Postulat des reinen Gottesglaubens zu verwirklichen.

Um den Bestand dieses Idealstaates gegen die Gefahr heidnischer Einflüsse zu schützen, bedurfte es einer gewissen Absonderung. Der Lebensplan Abrahams, des Stammvaters, wiederholt sich in der Nationalverfassung Israels. Nach aussen Liebe ausströmend, nach innen abgeschlossen, wachend über der Eigenart, der Tradition.

Der Staat Israel war allen geöffnet und bot allen Heimat, die "den Staub des Götzendienstes" an der Schwelle des Landes von ihren Füssen abgeschüttelt haben. Keine Rasse wurde an sich für minderwertig erklärt, kein Mensch wurde abgewiesen, sobald nur das Unerlässliche, das Menschliche, das Recht, von dem Eintretenden unangetastet blieb. Wer nur zum Prinzip des Rechts sich bekannt hat, wurde schon hierdurch der Gleichberechtigte mit den Israeliten. Es wurde nicht einmal volle Bekehrung zur Staatsreligion Israels gefordert, sondern schon, wer ein Noahskind war und mit seinem Bekenntnis zum Recht und dem Richter der Welt am Staate und an der Menschheit aufbauend zu wirken versprach, galt als vollberechtigter Staatsbürger. Nur wer Gottesgericht und Menschenrecht leugnete, musste ferngehalten werden: er war aus dem Sintflutgeschlechte, welches keinen Bestand hatte und die Welt zu zersetzen drohte.

A. Liebermann, Zur jüdischen Moral. Das Verhalten von Juden gegenüber Nichtjuden nach dem jüdischen Religionsgesetze, Berlin 1920.


http://www.archive.org/stream/zurjudischenmora00liebiala/zurjudischenmora00liebiala_djvu.txt

Tuesday, October 27, 2009

Stetit aggere fulti Cespitis, intrepidus vultu, meruitque timeri Nil metuens


A ses legions, mutinées et armées contre luy, Caesar opposoit seulement l'authorité de son visage et la fierté de ses paroles; et se fioit tant à soy et à sa fortune, qu'il ne craingnoit point de l'abandonner et commettre à une armée seditieuse et rebelle.

Montaigne, Essais, 1580.